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Nein zum Reisen?

24. April 2022 | Inspiration

Griechenland. Endlich wieder in meinem geliebten Kreta. Eine Pause machen, auftanken. Dachte ich, fühlte ich. Aber jetzt nach zehn Tagen Urlaub habe ich einfach nur ein furchtbar schlechtes Gewissen. Vieles, was ich hier tue, fühlt sich irgendwie falsch an. Überall springen sie mir gerade entgegen – die Lasten dieser heutigen Welt. Nicht, dass Griechenland dafür ein Paradebeispiel wäre, aber doch ein Mikrokosmos, auf den Welten aufeinanderprallen. Vielleicht bin ich auch zurzeit einfach sehr sensibel aufgrund der Tatsache, dass so nah Krieg herrscht und ich hier am Strand liege.
Aber es gibt so viele Beispiele, die ich nicht mehr unterstützen möchte und gleichzeitig nicht weiß, wie mein Nein in ein annehmbares Ja werden kann. Ich liebe das Reisen. Alles sortiert sich neu im Kopf, wenn ich unterwegs bin, alles bekommt eine andere Perspektive, die einzunehmen so wichtig ist. Aber WIE darf ich reisen?

Jedes Mal, wenn ich aus den Ferien zurückfliege, habe ich das Gefühl, ein Teil meiner Seele kommt nicht so schnell mit. Währenddessen ich schon wieder arbeite, ist sie noch dort. Das langsame Abschiednehmen durch eine längere Fahrt macht das erträglicher. Ich bin hierher geflogen. Es war wunderbar, die Welt von oben zu sehen, die schneebedeckten riesigen Alpen, das Meer, die Inseln. Aber es steht außer Frage: Wenn ich umweltbewusster leben will, muss ich nicht extra damit anfangen, im Unverpacktladen einzukaufen, wenn ich immer noch fliege. Das zu streichen – oh was für ein Verlust, was für ein schmerzlicher Gedanke. Aber nur wenn ich da ansetze, komme ich raus aus dem Reden „Man müsste, man sollte, die Erde bräuchte…“ hin ins „Ich tue wirklich etwas.“ Ich habe aber einen Trost:

Auch das Thema Hotel muss ich leider ab sofort differenzierter unter die Lupe nehmen und in vielerlei Hinsicht Nein sagen. Solche wie dieses, in dem ich mich zuletzt für zwei Nächte befand, darf ich mir nicht mehr erlauben. Ich bin mir nicht sicher, ob ich alle gezählt habe, aber es hatte 15 Pools, von denen nur drei allen zugänglich waren. Der große Trend geht zum Privatpool – lieber unter sich bleiben. Bei so viel Wasserknappheit dieser Insel und der Menge an Hotels frage ich mich, wie es da noch Spaß machen kann, hineinzuspringen. Und doch bin ich hier, genieße die Aussicht vom Pool zum Meer, plantsche, schwimme, lache und vergesse den Rest.

Wie kann man gleichzeitig so unterschiedlich agieren? Ich glaube, dass eine ist das, was mein Verstand mir sagt: „Es ist unvernünftig, lass das. Das andere ist das Gefühl. Es ist so wunderschön hier und doch ist das Maß jetzt voll.  Große Hotels habe ich eh immer nur in kleinen Dosen besucht – für ein, zwei Nächte, aber in Sachen Pools gibt es sicher Alternativen, nach denen ich Ausschau halten kann: Wiederaufbereitungsanlagen, Salzwasserbecken etc.

Aber es ist nicht nur die Frage der Nachhaltigkeit. Es ist April, Vorsaison. Kaum Touristen sind da. Durch Corona und das Kriegstreiben noch weniger. Dafür aber gibt es jede Menge Angestellte. Traurige Angestellte. Trinkgeldabhängige Angestellte. Unter den Griechen herrscht Missmut hier, die Bulgaren und Rumänen sagen nichts, sind froh, überhaupt einen Job zu haben. Aber die Griechen äußern sich, sind auch am Ende, benötigen ein paar Euros mehr in der Tasche. Ich fühle mich furchtbar. Ich spüre ihr aller Bemühen, freundlich zu sein und gleichzeitig ihre Enttäuschung, weil einfach zu wenig Trinkgeld fließt.

Sonst macht es die Masse an Touristen, jetzt ist aber alles auf wenige fokussiert. Diese Abhängigkeiten von der Gunst der Gäste, obwohl doch alle ihren Job machen! Und ich genieße derweil den Luxus. Nein, schrecklich. Das halte ich nicht aus.

Wie kann man gleichzeitig so unterschiedlich agieren? Ich glaube, dass eine ist das, was mein Verstand mir sagt: „Es ist unvernünftig, lass das. Das andere ist das Gefühl. Es ist so wunderschön hier und doch ist das Maß jetzt voll.  Große Hotels habe ich eh immer nur in kleinen Dosen besucht – für ein, zwei Nächte, aber in Sachen Pools gibt es sicher Alternativen, nach denen ich Ausschau halten kann: Wiederaufbereitungsanlagen, Salzwasserbecken etc.

Und dann noch das Meer, es blutet, es blutet so sehr. Bisher ist nichts aufgeräumt, sind alle Spuren der Verunreinigung noch nicht weggehakt an den Stränden. So viel Dreck kommt mit jeder größeren Welle an. Hier ist es sehr plakativ deutlich: Wir wissen um die Verschmutzung der Meere, wir lesen es und sind doch immer wieder ein Teil von all dem Wahnsinn. Aber Lesen und Hören ist nicht sehen.  Den Müll anzufassen, in großen Beuteln wegzutragen und doch nur einen winzigen Teil zu erwischen – dabei komme ich wieder weg vom Verstand rein ins Gefühl.

Ich werde sehr traurig, aber auch wütend. Wut ist eine gute Kraft, die wir viel mehr nutzen sollten, nun endlich aus diesem gesättigten Wohlstandstreiben herauszukommen und bei sich selbst anzufangen mit einem Nein zu den Dingen, die veränderbar sind. In diesem Fall für mich, Alternativen zum Fliegen zu finden, bei großen Hotels nach Nachhaltigkeitskonzepten zu suchen, die nicht nur auf dem Papier geschrieben stehen und ans Meer immer eine Tüte mitzunehmen, um es zumindest ein klein wenig vom Müll zu befreien. Denn Reisen möchte ich auch weiterhin, dieses Nein möchte ich mir nicht auferlegen. Im Gegenteil, ich glaube, dass Reisen, zumindest, wenn man nicht im Hotel verharrt, sehr dazu beiträgt, dass wir alle mehr Bewusstsein für unsere Erde bekommen und für unser Miteinander.

Bilder: phive2015 von getty images pro, terrza von getty images, loop 7 von getty images signature, konstantinyolshin, cb, Aegean Blue Sign für Canva

Kommentare zu: 'Nein zum Reisen?'

2 Kommentare

  1. Ralf

    Der Artikel spricht mir aus der Seele!

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    • YO_Claudia

      Das freut mich.

      Antworten

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