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NEIN sagen lernen in kleinen Dosen, Teil 1

13. März 2022 | Futter für den Geist

Neben dem ganz großen Nein zum Krieg habe ich in letzter Zeit gemerkt, dass es ganz viele kleine Neins gibt, die ich unbedingt im Innen und Außen lernen muss zu kommunizieren. Wir alle kennen Personen, die uns nicht gut tun und mit denen wir uns trotzdem umgeben. ArbeitgeberInnen, die uns ausnutzen und wir das mit uns machen lassen. Tätigkeiten, die wir furchtbar finden, die aber unser Leben bestimmen… Dieses Nein dazu wäre kein egoistisches. Ich habe sehr häufig erlebt, dass mein fehlender Protest eher im Gegenteil Konflikte provoziert hat. Immer wieder bin ich in meine eigene Falle getappt: Naja, wird schon, ich weiß nicht recht, vielleicht,… Nein sagen ist essentiell, natürlich, richtig. Und wir werden dadurch nicht gleich von den anderen verstoßen.

Weil es aber trotzdem nicht so leicht ist, plötzlich radikal zu werden, möchte ich diese kleine neue Reihe „Nein sagen lernen in kleinen Dosen“ starten und Geschichten erzählen, wo ich mal wieder nicht laut genug oder gar nicht NEIN gesagt habe. Viele dieser Situationen kennst du sicherlich auch. Schreib doch mal unten in die Kommentare, was das für dich dann jeweils für Konsequenzen hatte.

Hier nun meine erste Geschichte dazu:

Ich als Vermieterin

Wir YogalehrerInnen sind ja alle wunderbar ausgeglichen, dankbar und in sich ruhend. Om. Wie schön die Vorstellung, sich zusammenzutun, einen Raum gemeinsam zu nutzen, sich gegenseitig zu unterstützen. Ich biete also meinen Raum genau in diesem Verständnis an und sage schnell: „Klar, kannst du weniger zahlen. Ich weiß doch, wie schwer es am Anfang ist.“ „Natürlich darfst du alle meine Materialien benutzen. Sie sind doch sowieso da.“ „Logisch mach ich auch für dich Werbung auf meinen Seiten. Ist doch selbstverständlich.“ Absolut verstehe ich, dass du für deine Planung keine festen Buchungen vornehmen kannst, muss ja erst mal anlaufen.“…

Meine naive Denkweise: Wenn wir alle aufeinander achten, erhalte auch ich Unterstützung, wenn ich sie mal brauche. Mein Opa hat immer gesagt „Gib einfach. Du bekommst es oft von denen zurück, von denen du es gar nicht erwartest.“ Aber hätte er es in diesem Fall auch so gemeint? Sechs Jahre habe ich nach seiner Devise gehandelt und habe sicherlich auch einigen helfen können, weil sie so ganz langsam ihren Kundenstamm aufbauen konnten, ohne in die Mietzange zu geraten. Aber nun muss ich leider doch zu einer unangenehmen Erkenntnis kommen: Die Wertschätzung reguliert sich über den Preis.

Also sage ich nun NEIN. Nein zu denen, die kommen und sagen: Könntest du nicht…, ich bräuchte aber…, ist das etwa nicht inbegriffen…Auch früher hatte da mein Bauch schon gegrummelt, aber ich habe nicht darauf gehört. Warum eigentlich nicht?  Weil ich gar nicht schlecht denken kann, weil ich immer sehr schnell handle und weil ich – und das ist wahrscheinlich der Dreh- und Angelpunkt, der selbst bei solch banalen Situationen wie einer Vermietung durchschlägt – geliebt werden möchte. Was dann passiert, wenn ich nicht auf mein Bauchgefühl höre, ist mustergleich:

Typ 1 „Das nutz ich schamlos aus“: Vertraglich festgelegt ist der Mittwoch-Abend von 19:00 – 21:00 Uhr. Halb 8 klingelt das Telefon: „Sorry Claudia, heute klappt es nicht. Bis nächste Woche wieder.“ Super freundlich, geradezu kumpelhaft. Und ich habe natürlich volles Verständnis – jede Woche aufs Neue. Dann passt der Tag aber nicht mehr und ein Ersatztermin muss her. Ich biete wochenlang mehrere Alternativen an, nichts tut sich. Ich vergebe die Uhrzeit anderweitig. „Der Mittwoch ist mein Tag, ich habe ihn nicht storniert, das ist vertraglich festgelegt, ich will mein Geld zurück“. Wow. So viel Energie dann doch plötzlich. Keinen Zentimeter rückt sie zur Seite. Meine Verträge müssten mittlerweile vier Seiten lang sein, um so viele Eventualitäten mit einzukalkulieren und selbst dann wäre ich wohl nicht „save“. Dann kommt nämlich der Supersatz:“ Dann bewerte ich dich eben schlecht“.

Typ 2 „Ich hab bezahlt, mir gehört die Welt“: Statt 15,00 Euro pro Stunde hat sie mich spielend leicht auf 10,00 Euro heruntergehandelt. Und dann geht das so weiter. „Wieso ist kein Tee und Kaffee mehr da?“ „Der Mattenreiniger ist alle“ „Die Decken müssten mal wieder gereinigt werden“ Auf der Liste, wer wann mal das Material mit nach Hause nimmt und wäscht, steht ihr Name natürlich nicht. Auf Nachfrage hat sie den gar nicht gesehen und außerdem stünde das ja auch gar nicht im Vertrag. Dass da auch nicht drinsteht, dass sie die Materialien kostenfrei nutzen darf, ist natürlich absolut irrelevant.

Es gibt noch andere Typen, wir alle kennen sie. Gerade in der Raumvermietung habe ich bisher schon so viele Abgründe erlebt und das bei vermeintlich so gechillten Leuten. Wohin das führt? Dass niemand mehr Kompromisse eingeht, dass die Preise steigen, dass sich jeder Extraleistungen vergüten lässt, dass die Kommunikation geschäftlich kühl gehalten wird. Denn auch für die, die eigentlich von einem freundlichen Miteinander profitieren würden, gibt es eine Kategorie Typ: „Du bist jetzt mein persönlicher Coach – kostenfrei versteht sich“: „Claudia, ach das ist aber nett mit deinem Artikel, den du über mich geschrieben hast, aber könntest du das bitte noch mal anpassen? Ach und auch das Foto: Meinst du, wir könnten uns treffen und du fotografierst mich mal? Mensch die Fotos – ich weiß nicht, das Licht war nicht so gut und ich schau ja auch so komisch aus, das müssten wir noch mal machen, oder was meinst du?“

Ich bin traurig. Traurig, weil sich so viel über das Geld definiert. Traurig, weil es oft keine gegenseitige Unterstützung zwischen Selbstständigen gibt, sondern nur ein Geben einer Seite und das selbstverständliche Nehmen auf der anderen. Und traurig, weil dann vielleicht genau die Person, die all die Gutmütigkeit wirklich bräuchte, sie nicht bekommt, weil so viele Leute zuvor schon zu viel Porzellan kaputtgeschlagen haben.

Aber zum Glück gibt es auch die ganz andere Seite, für die es sich immer wieder lohnt, JA zu sagen. Tolle Menschen, denen man ohne die Vermietung gar nicht begegnet wäre. Die einen neue Perspektiven eröffnen. Wo sich Freundschaften entwickeln oder einfach ein angenehmes Miteinander herrscht. Und ich möchte natürlich nicht die Chance verlieren, genau diese Menschen  kennenzulernen, nur weil ich gerade auf dem Nein-Trip bin. Also bleibt nur das Bauchgefühl. Vielleicht ist es gar auch gar nicht so sehr das „Nein sagen lernen“, sondern eher genau darauf mehr Acht zu geben und nicht so schnelle Entscheidungen zu treffen. Was auch immer es ist, ein komplettes NEIN ist wohl nie der richtige Weg (Krieg ist dabei absolut ausgeklammert, in diesem Zusammenhang ist all dies sowieso völlig belanglos, was ich hier schreibe). Das Leben bleibt kompliziert. Aber alles andere wäre ja auch langweilig.

Bild: Canva

 

Kommentare zu: 'NEIN sagen lernen in kleinen Dosen, Teil 1'

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